#3 Berggebiete regional entwickeln

Im urbanen Zusammenhang ist es ja quasi zum Standard geworden, mit Kreativen räumliche Aufwer­tung zu betreiben, so in etwa funktioniert das typische Narrativ: Durch neue, trendstiftende und attraktive Milieus mit entsprechenden informellen Atmosphären, die günstige Mie­ten für Wohnungen und Projektspaces sowie auch sonst einen gewissen soziokulturellen Gestaltungsspiel- und Ideenoptionsraum für unkonventionelle Lebensformate vorfinden.

Wieder- oder Umnutzung bestehender Infra­strukturen beseelen das entsprechende Quar­tier neu, soziale Brennpunkte werden durch neue Bewohnergemische entschärft, ggf. neue Arbeitsplätze in den creative  industries  und der Dienstleistung generiert etc. Bis die Sache dann umschlägt und die jeweilige Stadt ein neues Wohlfühlviertel für einkommensstärkere Schichten hat, weshalb aus der initialen Neu­erschließercommunity nur die Bobo-Fraktion mittelfristige Bleibeperspektiven hat und die prekären Erschließer andernorts mit einem Stadtteilupgrading an den Start gehen. Soweit diese beliebte und  zuweilen  auch  wirklich reale Story. Denn in der Tat generieren solcher­ art in Wert gesetzte Stadtteile ein Mehr auf den Skalen der unterschiedlichen Kapitalsorten -so­zial, kulturell, ökonomisch und symbolisch. Zu­ mindest im Licht eines wirtschaftsgetriebenen Stadtentwicklungskonzepts macht das also schon Sinn. Ein anderes beliebtes und vielgebrauchtes Strategienarrativ wäre dasjenige, das mit dem Standortfaktor Kultur- und Wissen­ schaft operiert: Neue Museen, Konzerträume und Musicalhallen, Festivals oder Hochschulen und Forschungseinrichtungen sollen das Image der Stadt positiv prägen, einschlägige Commu nities anziehen und wiederum neue ökonomi­sche Produktivität generieren - sei es auf dem Tourismusmarkt, der Startup-Szene oder durch die Schaffung eines für High Potentials und ih­rer Arbeitgeber attraktiven Umfelds.

Nun lässt sich vermuten, dass auch in Berg­ gebieten solche „upgrade"-Narrative möglich sind - und der Bedarf nach soziokultureller und ökonomischer Dynamisierung nicht selten mindestens  genauso groß  und in der Sache ,,existentieller" ist als in Städten. Konkret ge­sprochen geht es nämlich in vielen Berggebiets­ gemeinden darum, durch den Zuzug  von  in der Kultur- und Kreativwirtschaft sozialisierten Gründern und Machern der Abwanderung und damit dem drohenden Verschwinden von gan­zen Gemeinden (und nicht nur der „Sanierung" eines Problemviertels) entgegenzuwirken. Aus verlassenen Liegenschaften sollen, so die Idee, pulsierende Ortszentren gemacht werden und en passant der Erhalt bzw. die Wiederher­stellung oder der Ausbau grundlegender Infra­- und Versorgungsstrukturen folgen. Denn anders als in den meisten Städten sind in Berggebieten die  Infrastrukturen  der  Daseinsvorsorge keine Selbstverständlichkeit. Der Erhalt von Nahversorgung, ärztlicher Versorgung, Kindergar­ten und Schule, der Busanbindung,  schwierig zu unterhaltender Zufahrtstrassen usw. stellt viele Gemeinden vor  große  Probleme.  Und mit jedem Wegfall einer der genannten Kom­ponenten wird für die, die vor Ort bleiben ein Negativanreiz gesetzt dafür, dies auch weiterhin zu tun . Eine an nicht wenigen Orten zu beob­achtende Abwärtsspirale: die lokale Volksschule wird geschlossen, die Frequenz im öffentlichen Nahverkehr reduziert, der kleine Laden macht dicht, der Weg zur bezahlten Arbeit wird immer länger - wieviele junge Familien werden dann noch bleiben wollen oder gar zuziehen? Vor diesem Hintergrund stellt jeder zusätzliche Einwohner insbesondere aus der jüngeren Ge­neration einen Gewinn dar, weil er als Argument für die Zukunftsfähigkeit der jeweiligen Ge­meinde dienen kann. Vor diesem Hintergrund sind also „spatial upgrading"-Strategien durch die gezielt geförderte Ansiedelung kultur - und kreativwirtschaftlicher Milieus mit ihren Potentialen zur Raumaneignung und -gestaltung durchaus naheliegend.

Gleiches gilt für den Standortfaktor Kultur, Bildung und Wissenschaft: auch hier werden die Rezepte aus den Städten aufgegriffen. Die Zahl der Festivals in Berggebieten ist in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen, Hochschulen schaffen Campusstrukturen oder Seminarhäuser im alpinen Umfeld und die gezielte Entwicklung von Kulturangeboten mit touristischem Mehrwert gehört mittlerweile auch schon zum Standard im zeitgenössischen Destinationsmanagement. Soweit so gut.

Mindestens genauso prominent wie ökonomische Parameter sollten hier Begriffe wie Lust, Mut und Engagement, Erfindungs­reichtum, Gründergeist und Experimentierfreude sein(...)

Es wäre aber schade, wenn kultur - und kreativwirtschaftliche Aktivitäten in Berggebieten auf diese Varianten des „Sanierungskatalysator­ Narrativs" beschränkt blieben und damit die Betrachtung auf eine vorrangig ökonomisch gedachte Entwicklungshilfe beschränkt bliebe. Denn wie in den Stadtentwicklungsdebatten ist diese Perspektive zwar sicher legitim, sollte aber die Sicht auf andere, mindestens genauso interessante Aspekte und Effekte der Kultur­ und Kreativwirtschaft nicht verstellen: Die soziokulturellen Kollateraleffekte, die  weit  über die  Entstehung  neuer  „Trendquartiere" oder „Trendvillages" usw. hinausgehen. Mindestens genauso prominent wie ökonomische Para­meter sollten hier Begriffe wie Lust, Mut und Engagement, Erfindungsreichtum, Gründer­geist und Experimentierfreude sein oder, anders gesagt - die Bezugnahme auf Fragen wie die, was ein Leben zum guten Leben macht. Fragen, Anliegen und Motivationen also, die dazu führen, dass sich Menschen die Gestaltungshoheit der eigenen Lebensumwelt aneignen und da­ für bekömmliche Formate des Arbeitens und des Wohnens kreieren, die nicht mehr von der Dichotomie Stadt-Land, Zentrum-Peripherie, Tradition-Moderne usw.  grundiert  sind. Kurz - es gilt, über das ökonomische Entwick­lungsvokabular hinausgehende Denk- und Vermittlungskonzepte zu mobilisieren und das Potential zum Experiment als Quelle für Regio­nalentwicklung in Berggebieten fruchtbar zu machen und es zugleich in den urbanen Diskurs hineinzuspiegeln. Ein Beispiel für ein solches Experiment ist die Zukunftsakademie Rätikon ', die im kleinen Graubündner Bergdorf Schuders im Sommer 2017 als Pilotprojekt durchgeführt wurde: ein Experiment,  bei  dem  sechs junge Künstler, Architekten und  Wissenschaftler für drei Wochen zusammen mit der lokalen Bevölkerung an Zukunftsszenarien gearbeitet haben. Ein in diesem Zusammenhang entstandenes Projekt ist das Netzwerk leerstehender Schulhäuser, das diese mittels eines kuratierten Vermittlungsmodells wieder von Leer- zu Lehr­räumen machen will.

Jens Badura

creativeALPSlab

#1 Kultur und Kreativ - Brauch' mer des?

#2 Alpenmilieus

#4 Typologie der Räume

#5 Infrastrukturen RE-Vision